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„Wir spüren auf Schritt und Tritt, unsere Aufnahme hier kommt von Herzen.“ Ein Lob der Belziger Gastfreundschaft. Gewiß, doch hinter diesen Worten steckt mehr, wenn man weiß, wer sie äußerte. Vera Koldova aus Cheb in der ČSSR erlebte im Außenlager Roederhof des KZ Ravensbrück eine schreckliche Zeit. Wie viele ihrer Leidensgenossinnen war sie von der SS hierher zur Zwangsarbeit an die Kriegsgewinnler für 70 Pfennig pro Tag „verliehen“ worden. Herzlose SS-Aufseherinnen waren damals ihre täglichen Begleiter. Wenn Frau Koldova heute und hier von einer Aufnahme spricht, die von Herzen kommt, dann meint sie nicht nur die herzliche Gastfreundschaft, sondern vor allem die Tatsache, daß bei uns mit dem faschistischen Spuk gründlich aufgeräumt wurde und Menschlichkeit und Völkerfreundschaft sich frei entfaltet haben.
Frau Koldova war bereits im vergangenen Jahr hier. Durch eine belgische Kameradin, mit der sie in Briefwechsel steht, erfuhr sie daß sich seit 1965 alljährlich in Belzig zum Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus Widerstandskämpferinnen treffen. Und so schrieb sie an den Belziger Bürgermeister, der ihr dann postwendend eine Einladung zukommen ließ. In diesem Jahr war sie nun mit einer tschechischen Kameradin wieder hier und konnte mit Freude feststellen, wie es bei uns vorwärts geht. Sie werden ihre Erlebnisse aus dem KZ-Außenlager Roederhof aufschreiben und sie der Gedenkecke, die am Sonnabend im Heimatmuseum eröffnet wurde (siehe Fotos), zur Verfügung stellen.
Mit etwas Beklemmung kam die Pariser Journalistin Hélène Renal an jenen Ort, an dem auch sie von den Hitlerfaschisten zur Zwangsarbeit gepreßt wurde. Mit Befriedigung konnte auch sie feststellen, daß der Sinn unserer Menschen auf Frieden und Völkerfreundschaft gerichtet ist. „In Westdeutschland hat man nicht den Eindruck“, betonte sie. „Mit Besorgnis verfolgen wir in Frankreich das Anwachsen der faschistischen NPD in der Bundesrepublik.“ „Man muß annehmen, diese Leute dort hätten keinen Verstand“, sagte auch Frau Koldova. „Bei uns in der ČSSR geibt es ein Sprichwort ,Leute ohne Verstand sind gefährlich'.“
„Sie konnten sich überzeugen, daß das Volk der DDR alles tut, daß sich das, was sie erleben mußten, nie wiederholt, daß nie wieder Krieg von deutschem Boden mehr ausgeht“, betonte Genosse Schüller, Sekretär der SED-Kreisleitung, der am Montag abend in der HOG „Burg Eisenhardt“, wo sich die ehemaligen KZ-Insassinnen aus Frankreich, Belgien, der ČSSR und Jugoslawien mit Freundinnen des DFD in vollem Einvernehmen trafen und Mitglieder des Zirkels für angewandte Kunst mit einer kleinen Modenschau Einblick in ihre Arbeit boten, die Grüße der VdN-Kommission überbrachte.
Madame Renal versicherte, daß alle ehemaligen Widerstandskämperinnen, die Roederhof erlebten, dem Bürgermeister der Stadt dankbar sind, daß er sie mit der Bevölkerung seiner Stadt zusammenführt, daß er das Gedenken an die ermordeten Kameradinnen wachhält und eine würdige Gedenkecke im Heimatmuseum errichten ließ. Sie versprach, mit Materialien und Briefen diese kleine Ausstellung vervollständigen zu helfen.
H. Glogau


Quelle: Kreisarchiv Potsdam-Mittelmark, Zeitungsarchiv, Märkische Volkstimme vom 8.5.1968