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Oberschüler erhielten Einblick in die Geschichte Belzigs

(VK). Vor kurzem besuchte uns im Internat der Erweiterten Oberschule Belzig der Bürgermeister der Kreisstadt, Genosse Gerhard Dorbritz. Sein Anliegen war, mit jungen Menschen über die Probleme, die sie am meisten bewegen, zu sprechen. Es war auch interessant für ihn, zu erfahren, wie Nichtbelziger – die Insassen des Internates kommen aus mehr oder weniger nahe liegenden Ortschaften – über die Kreisstadt Belzig denken und was eventuell noch zu verbessern oder zu verschönern wäre.

Natürlich dürfen wir auch das Internat nicht vergessen, das ja während der Oberschulzeit unser zweites Zuhause ist. Für das Internat werden jährlich 12000 MDN ausgegeben. Es ist gar nicht so einfach, dieses Geld sinnvoll anzuwenden, weil im ganzen Haus Reparaturen und Neuanschaffungen erforderlich sind. Hervorzuheben sind die gute Verpflegung – herzlichen Dank an das Küchenpersonal Frau Richter, Frau Polenski und Frau Lorenz, das uns nur Gutes auf den Tisch bringt – und unsere kleine Bibliothek, um nicht alles zu nennen. Aber ich glaube, die größte Annehmlichkeit ist, daß die auswärtigen Schüler, die keine gute Zug- oder Busverbindung haben, hier wohnen und ungestört lernen können.

Nicht zu übersehen sind aber auch die schlechten Heizungsmöglichkeiten und die Überbelegung der Wohnräume. Das wird so leicht nicht zu ändern sein: denn damit würde einigen Schülern die Möglichkeit genommen, die EOS zu besuchen, weil sie schlecht zur Schule kommen würden.

Bei seiner Einschätzung über den gemeinsam verbrachten Abend stellte Genosse Dorbritz fest, daß er sich gefreut hat, mit uns Bekanntschaft gemacht zu haben, aber er fuhr auch etwas enttäuscht weg, weil er regere Diskussionen und Anregungen erwartet hatte. Hoffen wir, daß er beim nächsten Zusammentreffen, zu dem es doch hoffentlich noch einmal kommen wird, befriedigter nach Hause fahren kann.

Aber Herr Dorbritz wollte nicht nur etwas von uns wissen, sondern er erzählte uns noch eine ganze Menge über Belzig. Wußten Sie schon, liebe Leser, daß Belzig 997 das erste Mal urkundlich erwähnt wurde? Im 13. Jahrhundert erhielt Belzig das Stadtrecht. Auch das Wappen hat seine besondere Bedeutung. Es versinnbildlicht, daß Belzig Grenzort von Sachsen war, aber 1815 auf Grund des Wiener Vertrages von Sachsen getrennt und Preußen angehängt wurde. Die Belziger nannten sich damals „Mußpreußen“. Damit gaben sie deutlich zu verstehen, daß ihnen die Angliederung an Preußen durchaus nicht paßte. Mit der Eingliederung vollzog sich ein weiterer bedeutsamer Schritt, dem wir verdanken, daß Belzig 1965 das Fest „150 Jahre Kreisstadt“ feiern konnte.

Zum 150jährigen Jubiläum wurde eine Broschüre „Belzig – 150 Jahre Kreisstadt“ herausgegeben, in der die Entwicklung von 1815 bis 1965 sehr schön dargelegt ist. Dieses Heft ist sehr empfehlenswert.

Das Jahr 1945 war von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung Herrn Dr. Arthur Krause, Verdienter Lehrer des Volkes und Herrn Erich Tschetschog, katholischer Pfarrer, haben wir es hauptsächlich zu verdanken, daß Belzig kampflos an die sowjetische Armee übergeben und es vor weiteren Zerstörungen bewahrt wurde. Beide wurden Ehrenbürger der Stadt.

Aber der Krieg ist nicht spurlos an Belzig nicht spurlos vorbeigegangen. Wie bekannt sein wird, lief das Rüstungswerk Roederhof auf Hochtouren. Aber dazu brauchte man möglichst billige Arbeitskräfte . Deportierte aus Polen, Italien, Frankreich, und aus der Sowjetunion mußten in der Lübnitzer Straße im Zwangsarbeitslager Roederhof unter menschenunwürdigen bedingungen arbeiten und leben. In diesem Lager, einer Außenstelle des KZ Ravensbrück, waren 750 sogenannte „Fremdarbeiter“, hauptsächlich Frauen, eingepfercht. Als der Krieg vorbei war und die Insassen das Lager verlassen durften, in dem sie so viel Unmenschlichkeit erlebt haben, nahmen sie sich vor, nie wieder nach Belzig zu kommen. Doch als die Einweihung der Gedenksteinanlage am ehemaligen Roederhofgelände war, kamen einige ehemalige Deportierte, um dort noch einmal an das Vergangene zu mahnen und mitzuhelfen, damit so etwas nie wieder geschieht, aber auch, um sich das neue, bessere Belzig anzusehen. Noch heute besteht ein herzlicher Kontakt mit ihnen. Wir würden uns sehr freuen, diese tapferen Menschen einmal als Gäste im Internat begrüßen zu dürfen, wenn sie im nächsten Jahr wieder Belzig besuchen.

Ursula Treyße


 

Quelle: Kreisarchiv Potsdam-Mittelmark, Zeitungsarchiv, Märkische Volksstimme vom 6.11. 1966, S. 7