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Von Gerhard Dorbritz
20 Jahre nach der kampflosen Übergabe unserer Kreisstadt an die Sowjetarmee weihen wir im ehemaligen Zwangsarbeiterlager Roederhof des KZ Ravensbrück diesen Gedenkstein ein. Er soll Mahnung und zugleich Verpflichtung für uns sein.

Über 700 Häftlinge des KZ Ravensbrück, Frauen aus vielen Ländern Europas, haben hier gelitten und gehungert, und mußten unter unmenschlichen Verhältnissen hier leben und arbeiten.
Die Zahl der Todesopfer ist uns nicht bekannt. Bis zum Jahr 1944 wurden die verstorbenen Häftlinge im Krematorium in Brandenburg (Havel) verbrannt und danach auf dem Belziger Gertrauden-friedhof beigesetzt. Für die Toten des Zwangs- und Fremdarbeiterlagers weihen wir heute ebenfalls eine würdige Gedenksteinanlage auf dem Gertraudenfriedhof ein. 98 Namen von ausländischen Bürgern, die uns bekannt sind, wurden in den roten Granit gemeißelt. Jeder Besucher wird mit mahnenden gefühlen lesen: „... und 38 unbekannte Kinder.“

Über 1500 Fremdarbeiter (überwiegend Frauen) aus den verschiedensten Ländern Europas, darunter 750 Sowjetbürger und 150 italienische Kriegsgefangene mußten hier unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben und in der Metallwarenfabrik Roederhof arbeiten.

Am 25. April 1945 wurden die Frauen aus dem Lager in Richtung Alten Grabow abtransportiert. Im Lager verblieben 5 Tote und 70 Kranke. Von den Kranken starben in der Nacht noch 4 Häftlinge. Ein französischer Bürger wurde beim Panzeralarm am 25. April 1945 wegen angeblicher aufrührerischer Tätigkeit im Fremdarbeiterlager erschossen.

Für uns ist sehr bedrückend, diese Tatsachen hier aufzuzeigen. Wir können aber sagen, daß die Bürger unserer Stadt alle Kräfte dafür einsetzen, daß sich so etwas nie wiederholt. Es ist unverständlch, daß der Bonner Bundestag als einziges Parlament in Europa beschlossen hat, in 41/2 Jahren die Nazi- und Kriegsverbrechen verjähren zu lassen. Die Einwohner der Kreisstadt belzig protestieren gegen diesen Beschluß und appellieren an die Bevölkerung der Bundesrepublik, sich dafür einzusetzen, daß dieser Beschluß aufgehoben wird.

Heute blicken wir aber auch mit Stolz auf den 3. Mai 1945 zurück. Patriotische Kräfte unserer Stadt haben in den letzten Apriltagen und am 1., 2. und 3. Mau 1945 unter nicht leichten Bedingungen den größten Teil der Belziger Einwohner für die Vorbereitung und Durchführung der kampflosen Übergabe gewonnen und solche Maßnahmen organisiert, daß es zu keinen Kampfhandlungen in Belzig kam. Es ist unsere Pflicht, heute den Bürgern, die in den Maitagen 1945 eine so große patriotische Tat vollbrachten, unseren innigsten Dank auszusprechen. Sie haben mit dieser Tat das Leben und das Eigentum vieler Menschen der Stadt Belzig geschützt und erhalten.


Quelle: Kreisarchiv Potsdam-Mittelmark, Zeitungsarchiv, Märkische Volksstimme vom 4.5.1965